Mit großer Vorfreude wünschte ich mir “Last Night in Twisted River” zu Weihnachten und konnte es auch kaum erwarten, das neueste Werk meines Lieblingsautors zu lesen.
Wieder einmal tauchen altbekannte Figuren auf, zum Beispiel der quasi unabkömmliche Schriftsteller. Neu ist wohl die Beschäftigung Irvings mit dem Beruf des Kochs – den zubereiteten Gerichten Dominic Baciagalupos räumt Irving viel Platz ein, was auf Dauer (wie auch viele andere ausführliche Beschreibungen) ermüdend sein kann.
Im Gegensatz zu anderen Irving Figuren geht keiner der Protagonisten (hier kann man guten Gewissens die männliche Form stehen lassen) dem/der LeserIn wirklich ans Herz. Trotz der epischen Länge bleibt vieles an der Oberfläche, eine enge Beziehung habe ich zu keiner der Figuren aufbauen können. Zudem springt Irving in der Zeit hin und her, sodass ich beim Lesen oft verwirrt umher blättern musste, um den Anschluss zu finden. Ich musste mich antreiben, das Buch zu Ende zu lesen und kann es daher kaum zu meinen Favoriten in Irvings Werk zählen. Schade, “Until I find you” war da wesentlich vielversprechender.
Natürlich gibt es wieder Bären, stark gebaute Frauen, kleine Väter und ein Erwachsenwerden in Neuengland. All die Leitmotive und Versatzstücke aus den bisherigen Romanen. Es gibt die Momente des Wunders, die Gewalt und das Lachen, das einem im Halse stecken bleibt.
John Irving zeichnet in seinem neuen Roman die Freundschaft eines Koch, seines Sohnes und späteren Bestseller-Autors und eines unzähmbaren Holzfällers nach. Kochen, Schriftstellerei und die grausamen, gewalttätigen Regeln der (menschlichen)Natur kommen hier zusammen.
Irving beginnt die Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und begleitet seine Figuren bis ins Jahr 2005. Wirtschaftlicher und politischer Wandel bildet den Hintergrund. Aber eben nur den Hintergrund, denn Irving liebt seine Figuren in diesem Buch und räumt ihrer Entwicklung wieder allem Raum ein.
Irving hat sein Spiel mit Handlungssträngen, Zeitebenen und Erzählerfiguren perfektioniert. Mit dem ersten Satz über einen Unfall beim Holz-Flößen entspringt ein Handlungsfluss, den Irving geschickt kanalisiert, staut, trennt und wieder zusammenführt. Das kennt man aus seinen anderen Büchern, aber diesmal geht Irving weiter. Er lässt die Hauptfiguren zum Autor des eigenen Romans werden.
Viel Raum räumt Irving Gedanken über Fiktion, Romane und Schriftstellerei ein. Er lässt sich schon immer gerne dabei über die Schulter schauen, wie er seine Plots konstruiert. In Twisted River erhebt er dieses Prozess zum treibenden Teil der Handlung.
Twisted River ist ein Lesevergnügen, wenn auch manchmal ein anstrengendes. Anstrengend, weil man das Schicksal der Figuren mit Empathie verfolgt. Anstrengend aber auch, weil Irving ein intellektuelles Spiel mit dem Leser und seinen Figuren treibt.
Wer es nicht abwarten kann, den neuen Irving-Roman schon vor Erscheinen der deutschen Ausgabe im englischen Original zu lesen, der wird seine Kaufentscheidung wohl kaum von der Story abhängig machen.
Die ist eben typisch Irving: unzählige Charaktere, liebvoll porträtiert und kunstvoll verwobenen in einer epischen Geschichte. Seitenweise skurrile Ideen und ein unübertroffenes Händchen für Details. Der Irving-Fan fragt sich mal wieder, wieviele dieser Erlebnisse wohl autobiographisch inspiriert sein mögen und welche Details von der Vielzahl der ‘Berater’ (denen er wie üblich ausführlich im Anhang dankt) recherchiert und zusammengetragen wurden.
Wer vor Erscheinen der deutschen Ausgabe allerdings diese Amazon-Seiten durchblättert, wird sich eher fragen, ob er nun die Ausgabe des New Yorker Random House-Verlages ordern soll oder es die günstigere Ausgabe des Londoner Bloomsbury-Verlages auch tut.
Das Exemplar des New Yorker Random House-Verlages kommt mit einem rauen Buchschnitt daher. Es besitzt noch die Originalbreite des Buchbogens und setzt auf ‘historische’ Schriftzeichen. Wer sich einen Eindruck vom Schriftbild dieser Ausgabe machen möchte, hat dazu auf der Homepage des Verlages die Möglichkeit. Dort gibt es eine 57-seitige Leseprobe des Romans.
Die Dicke des Papiers, seine Bleichung und die Prägung des Umschlages sollen Beständigkeit vermitteln.
Auf mich wirkte das frisch ausgepackte Exemplar, als halte ich ein Buch in den Händen, welches schon jahrelang im Bücherregal gealtert ist. Geschmacksache…
Wem es beim Kauf eines Buches aber vornehmlich auf den Inhalt der Story ankommt… der dürfte mit der Bloomsbury-Ausgabe bestens bedient sein:
ist “Last night in twisted river”. Aufwühlend und tröstend, bizarr und alltäglich. Wunderschön erzählt. Für mich hätte er 5 Bücher schreiben können über Domenic, Daniel und Ketchum – 50 Jahre sind eine lange Zeit und ich hätte noch lange diesen Geschichten zuhören können. Hätte gerne auch Charlotte, Lady Sky und Joe gerne besser kennen gelernt.
Aber es ist Irvings Entscheidung was er uns erzählt und so bleibt es der eigenen Phantasie offen Details zu füllen.
Ein Irving wie er sein muss also – das Leben ist schrecklich und am Ende ist man Tod – aber Rettung lauert überall!
Alles das was ein Leser in den großen Romanen von J. Irving schätzen und lieben gelernt hat, wird er auch in seinem neuesten Roman wiederfinden: Vater-Sohn Beziehungen, Verlustängste, unvergeßliche Charaktere, skurrile Unfälle, Bären, abgetrennte Hände etc. Seine elf vorherigen Bücher irgendwie vereint und zusammengefaßt in diesem einen.
Ein Highlight sicherlich der erste Teil, in dem Irving die turbulente Mischung aus Gewalt und Kamaradschaft von urwüchsigen Männern und Frauen in einem Holzfällercamp im Jahre 1954 im nördlichen Nordamerika einfängt und in dem die Geschichte des Kochs Dominic Baciagalupo und seines Sohnes, dem späteren Schriftsteller Danny Angel (alias John Irving) seinen Anfang nimmt.
Wie kein anderer versteht es Irving die nackte Falschschirmspringerin zu inzenieren, die während einer Festlichkeit sich unvermittelt im Schweinekoben wiederfindet und dieses an sich skurrile Ereignis so real und natürlich wirken zu lassen. Solche Szenen werden im späteren Verlauf des Romans zu einer Art Leitmotiv für den Gesamtroman.
Es ist viel von und über Irving über das Verhältnis Fiktion – Autobiographie in seinen Romanen gesprochen und geschrieben worden. In diesem Buch wird dieses Thema selbst zum Thema und nicht nur weil der letzte Roman des Protagonisten Danny Angel im Buch gerade der vorliegende Roman selber ist. Die eingestreuten autobiographischen Anspielungen des Danny Angel sind zwar prägnant und teilweise aphoristisch, wirken aber in der Erzählhandlung deplaziert und selbstverliebt und stören ein wenig den Erzählfluss der Geschehnisse.
Es handelt sich um ein perfekt inzinierte Familiengeschichte, in der Vorausschau und Rückblende geschickt eingesetzt werden. Beim Lesen des Romans konnte ich mich aber häufig des Eindrucks nicht erwehren, dass die eingesetzten Stilmittel oft zum System erhoben wurden, so dass sie zu offensichtlich und fast schon störend zutage traten. Aber vielleicht neide ich einem Meister auch nur sein Handwerk …..
Ein ideales Buch für den Anfänger, um Irving umfassend kennzulernen, und für den Fortgeschrittenen eine Vernetzung alter und neuer Themen zu einem weiteren Glanzpunkt seiner Fabulierkunst.
Man darf gespannt sein, wohin nach diesem gewissermaßen Endpunkt seines bisherigen literarischen Schaffens sein nächstes Buch uns führt.
Mit großer Vorfreude wünschte ich mir “Last Night in Twisted River” zu Weihnachten und konnte es auch kaum erwarten, das neueste Werk meines Lieblingsautors zu lesen.
Wieder einmal tauchen altbekannte Figuren auf, zum Beispiel der quasi unabkömmliche Schriftsteller. Neu ist wohl die Beschäftigung Irvings mit dem Beruf des Kochs – den zubereiteten Gerichten Dominic Baciagalupos räumt Irving viel Platz ein, was auf Dauer (wie auch viele andere ausführliche Beschreibungen) ermüdend sein kann.
Im Gegensatz zu anderen Irving Figuren geht keiner der Protagonisten (hier kann man guten Gewissens die männliche Form stehen lassen) dem/der LeserIn wirklich ans Herz. Trotz der epischen Länge bleibt vieles an der Oberfläche, eine enge Beziehung habe ich zu keiner der Figuren aufbauen können. Zudem springt Irving in der Zeit hin und her, sodass ich beim Lesen oft verwirrt umher blättern musste, um den Anschluss zu finden. Ich musste mich antreiben, das Buch zu Ende zu lesen und kann es daher kaum zu meinen Favoriten in Irvings Werk zählen. Schade, “Until I find you” war da wesentlich vielversprechender.
Natürlich gibt es wieder Bären, stark gebaute Frauen, kleine Väter und ein Erwachsenwerden in Neuengland. All die Leitmotive und Versatzstücke aus den bisherigen Romanen. Es gibt die Momente des Wunders, die Gewalt und das Lachen, das einem im Halse stecken bleibt.
John Irving zeichnet in seinem neuen Roman die Freundschaft eines Koch, seines Sohnes und späteren Bestseller-Autors und eines unzähmbaren Holzfällers nach. Kochen, Schriftstellerei und die grausamen, gewalttätigen Regeln der (menschlichen)Natur kommen hier zusammen.
Irving beginnt die Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und begleitet seine Figuren bis ins Jahr 2005. Wirtschaftlicher und politischer Wandel bildet den Hintergrund. Aber eben nur den Hintergrund, denn Irving liebt seine Figuren in diesem Buch und räumt ihrer Entwicklung wieder allem Raum ein.
Irving hat sein Spiel mit Handlungssträngen, Zeitebenen und Erzählerfiguren perfektioniert. Mit dem ersten Satz über einen Unfall beim Holz-Flößen entspringt ein Handlungsfluss, den Irving geschickt kanalisiert, staut, trennt und wieder zusammenführt. Das kennt man aus seinen anderen Büchern, aber diesmal geht Irving weiter. Er lässt die Hauptfiguren zum Autor des eigenen Romans werden.
Viel Raum räumt Irving Gedanken über Fiktion, Romane und Schriftstellerei ein. Er lässt sich schon immer gerne dabei über die Schulter schauen, wie er seine Plots konstruiert. In Twisted River erhebt er dieses Prozess zum treibenden Teil der Handlung.
Twisted River ist ein Lesevergnügen, wenn auch manchmal ein anstrengendes. Anstrengend, weil man das Schicksal der Figuren mit Empathie verfolgt. Anstrengend aber auch, weil Irving ein intellektuelles Spiel mit dem Leser und seinen Figuren treibt.
Wer es nicht abwarten kann, den neuen Irving-Roman schon vor Erscheinen der deutschen Ausgabe im englischen Original zu lesen, der wird seine Kaufentscheidung wohl kaum von der Story abhängig machen.
Die ist eben typisch Irving: unzählige Charaktere, liebvoll porträtiert und kunstvoll verwobenen in einer epischen Geschichte. Seitenweise skurrile Ideen und ein unübertroffenes Händchen für Details. Der Irving-Fan fragt sich mal wieder, wieviele dieser Erlebnisse wohl autobiographisch inspiriert sein mögen und welche Details von der Vielzahl der ‘Berater’ (denen er wie üblich ausführlich im Anhang dankt) recherchiert und zusammengetragen wurden.
Wer vor Erscheinen der deutschen Ausgabe allerdings diese Amazon-Seiten durchblättert, wird sich eher fragen, ob er nun die Ausgabe des New Yorker Random House-Verlages ordern soll oder es die günstigere Ausgabe des Londoner Bloomsbury-Verlages auch tut.
http://www.amazon.de/Last-Night-Twisted-River-Novel/dp/140006919X/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1266316722&sr=1-2
Das Exemplar des New Yorker Random House-Verlages kommt mit einem rauen Buchschnitt daher. Es besitzt noch die Originalbreite des Buchbogens und setzt auf ‘historische’ Schriftzeichen. Wer sich einen Eindruck vom Schriftbild dieser Ausgabe machen möchte, hat dazu auf der Homepage des Verlages die Möglichkeit. Dort gibt es eine 57-seitige Leseprobe des Romans.
Die Dicke des Papiers, seine Bleichung und die Prägung des Umschlages sollen Beständigkeit vermitteln.
Auf mich wirkte das frisch ausgepackte Exemplar, als halte ich ein Buch in den Händen, welches schon jahrelang im Bücherregal gealtert ist. Geschmacksache…
Wem es beim Kauf eines Buches aber vornehmlich auf den Inhalt der Story ankommt… der dürfte mit der Bloomsbury-Ausgabe bestens bedient sein:
http://www.amazon.de/Last-Night-Twisted-River-Irving/dp/1408801841
ist “Last night in twisted river”. Aufwühlend und tröstend, bizarr und alltäglich. Wunderschön erzählt. Für mich hätte er 5 Bücher schreiben können über Domenic, Daniel und Ketchum – 50 Jahre sind eine lange Zeit und ich hätte noch lange diesen Geschichten zuhören können. Hätte gerne auch Charlotte, Lady Sky und Joe gerne besser kennen gelernt.
Aber es ist Irvings Entscheidung was er uns erzählt und so bleibt es der eigenen Phantasie offen Details zu füllen.
Ein Irving wie er sein muss also – das Leben ist schrecklich und am Ende ist man Tod – aber Rettung lauert überall!
Alles das was ein Leser in den großen Romanen von J. Irving schätzen und lieben gelernt hat, wird er auch in seinem neuesten Roman wiederfinden: Vater-Sohn Beziehungen, Verlustängste, unvergeßliche Charaktere, skurrile Unfälle, Bären, abgetrennte Hände etc. Seine elf vorherigen Bücher irgendwie vereint und zusammengefaßt in diesem einen.
Ein Highlight sicherlich der erste Teil, in dem Irving die turbulente Mischung aus Gewalt und Kamaradschaft von urwüchsigen Männern und Frauen in einem Holzfällercamp im Jahre 1954 im nördlichen Nordamerika einfängt und in dem die Geschichte des Kochs Dominic Baciagalupo und seines Sohnes, dem späteren Schriftsteller Danny Angel (alias John Irving) seinen Anfang nimmt.
Wie kein anderer versteht es Irving die nackte Falschschirmspringerin zu inzenieren, die während einer Festlichkeit sich unvermittelt im Schweinekoben wiederfindet und dieses an sich skurrile Ereignis so real und natürlich wirken zu lassen. Solche Szenen werden im späteren Verlauf des Romans zu einer Art Leitmotiv für den Gesamtroman.
Es ist viel von und über Irving über das Verhältnis Fiktion – Autobiographie in seinen Romanen gesprochen und geschrieben worden. In diesem Buch wird dieses Thema selbst zum Thema und nicht nur weil der letzte Roman des Protagonisten Danny Angel im Buch gerade der vorliegende Roman selber ist. Die eingestreuten autobiographischen Anspielungen des Danny Angel sind zwar prägnant und teilweise aphoristisch, wirken aber in der Erzählhandlung deplaziert und selbstverliebt und stören ein wenig den Erzählfluss der Geschehnisse.
Es handelt sich um ein perfekt inzinierte Familiengeschichte, in der Vorausschau und Rückblende geschickt eingesetzt werden. Beim Lesen des Romans konnte ich mich aber häufig des Eindrucks nicht erwehren, dass die eingesetzten Stilmittel oft zum System erhoben wurden, so dass sie zu offensichtlich und fast schon störend zutage traten. Aber vielleicht neide ich einem Meister auch nur sein Handwerk …..
Ein ideales Buch für den Anfänger, um Irving umfassend kennzulernen, und für den Fortgeschrittenen eine Vernetzung alter und neuer Themen zu einem weiteren Glanzpunkt seiner Fabulierkunst.
Man darf gespannt sein, wohin nach diesem gewissermaßen Endpunkt seines bisherigen literarischen Schaffens sein nächstes Buch uns führt.